Systematisches Gehörbildungs-Training: So gehst Du es sinnvoll an
Mit der Gehörbildung ist es für viele angehende Musikerinnen und Musiker ähnlich wie mit dem Sport: Man weiß, dass es wichtig ist, man fängt mal an, dann kommt das Leben dazwischen, und irgendwann stellt man fest, dass man „eigentlich schon ganz gut hört“ und trotzdem bei bestimmten Aufgaben immer wieder ins Stocken gerät.
Verminderte Akkorde raushören zum Beispiel. Oder Umkehrungen richtig hören. Oder Melodien, die man einfach nicht zu Papier bringen kann, weil das Gehör nicht mitspielt.
Das Problem ist meist kein mangelndes Talent und auch nicht immer mangelnde Übung, sondern ein fehlendes System beim Aufbau der eigenen Gehörfähigkeiten.
Deshalb möchte ich Dir in diesem Artikel zeigen, in welcher Reihenfolge ein systematisches Gehörbildungs-Training sinnvoll aufgebaut ist, mit Bereichen, die aufeinander aufbauen und sich gegenseitig stützen.
1. Intervalle: Die Grundlage
Intervalle sind gewissermaßen das kleinste musikalische Strukturelement. Wer Intervalle sicher nach Gehör erkennen kann, hat sich eine Grundlage erarbeitet, die man soweit bei allen anderen Höraufgaben braucht..
Konkret bedeutet das: Arbeite daran, Intervalle, also Tonabstände, sowohl nacheinander als auch zusammenklingend sicher erkennen und benennen zu können. Wie man das am sinnvollsten angeht, habe ich im Artikel Intervalle hören lernen – Eine sinnvolle Herangehensweise ausführlich beschrieben. Als praktische Übung und kleinen Selbsttest eignen sich die kostenlosen Hörübungen zu Intervallen gut. Wer sich außerdem Melodieanfänge als klangliche Eselsbrücken für jedes Intervall einprägen möchte, findet dazu hier eine Übersicht.
Es geht nicht ohne Übung, und am Anfang ist es manchmal frustrierend. Aber grundsätzlich kann jeder diese Fähigkeit aufbauen, wenn man mit System vorgeht und nicht einfach nur „herumprobiert“.
2. Dreiklänge: früh üben
Dreiklänge begegnen uns in der musikalischen Praxis ständig, ob zusammenklingend oder gebrochen in Einzeltönen, in Begleitungen oder eingepackt in melodische Verläufe. Deshalb lohnt es sich, mit Dreiklangshöraufgaben schon früh zu beginnen, gerne parallel zum Intervalltraining.
Die sinnvolle Reihenfolge dabei: Zunächst übst Du, Dur- und Moll-Dreiklänge klar voneinander zu unterscheiden. Das sind die wichtigsten und häufigsten Dreiklänge, und dieser erste Schritt klingt einfacher als er ist. Danach kommen verminderte und übermäßige Dreiklänge dazu. Für alle vier Grundtypen in Grundstellung gibt es hier direkt Hörübungen.
Dann geht es um Dreiklangslagen und Umkehrungen, also darum, welcher Dreiklangston zuoberst erklingt. Hier zahlt sich das Intervalltraining aus. Diese Übungen zu Dreiklangslagen mit Grundton im Bass sind ein guter Zwischenschritt, bevor es zu Dreiklangsstellungen und Lagen und schließlich zu Dreiklangsstellungen in weiter Lage weitergeht.
Sehr wirkungsvoll ist außerdem das Singen gebrochener Dreiklänge und ihrer Umkehrungen. Das trainiert gleichzeitig das Intervallhören und verankert die Klangbilder tiefer im Gedächtnis. Wer alle Varianten (Typ, Lage, Stellung) kombiniert üben möchte, findet hier die entsprechenden Aufgaben.
3. Drei- und Viertonfolgen: Vorstufe ins Melodiehören
Mit Drei- und Viertonfolgen beginnt die Vorarbeit auf das eigentliche Melodiehören. Es geht noch nicht um vollständige Melodien, sondern um erste, überschaubare Einheiten, die Du behalten, erkennen und möglichst notieren musst.
Das ist natürlich auch eine Erweiterung des Intervalltrainings. Wer Intervalle hören kann, hat für diese Aufgabe die nötige Grundlage. Mit den 20 kostenlosen Dreitonfolgen-Übungen kannst Du direkt einsteigen, die Viertonfolgen bauen das Training dann gezielt weiter aus.
4. Rhythmus-Diktate: Nicht vernachlässigen
Rhythmik gehört gleichrangig neben Melodie und Harmonie. Trotzdem wird sie im Selbststudium oft vernachlässigt.
Befasse Dich daher möglichst früh und unabhängig von den anderen Gehörbildungsaufgaben mit kleinen Rhythmusdiktaten und lerne, sie richtig zu notieren. Bevor Du Rhythmen notieren kannst, musst Du in der Lage sein, sie zu einem Metrum nachzuklopfen und richtig auszuzählen, um daraus die richtigen Notenwerte abzuleiten. Wie man das methodisch am besten angeht, erkläre ich im Artikel Rhythmen nach Gehör notieren.
Übe zunächst kürzere, einfache Rhythmen mit drei bis vier verschiedenen Notenlängen. Zum Einstieg eignen sich die 24 kostenlosen Rhythmusdiktate, danach kommen die 15 zweitaktigen Diktate dazu. Dann folgen Triolen, Synkopen, das Erkennen verschiedener Taktarten und schließlich längere, komplexere Diktate. Einen strukturierten Überblick über alle Anforderungen bietet die Seite Rhythmus-Diktate systematisch üben. Besonders geeignet für ein gründliches Training ist der Onlinekurs „Rhythmus-Diktate bewältigen“.
5. Tonleitern: Leichter als gedacht
Wer Intervalle gut hören kann, wird Tonleitern nicht mehr als große Hürde erleben. Trotzdem solltest Du diesen Bereich nicht überspringen, denn das Erkennen von Kirchentonleitern und Skalen (harmonisches und melodisches Moll, Dorisch, Phrygisch usw.) erfordert ein trainiertes Gehör für die charakteristischen Töne und Schrittfolgen.
Zum Kennenlernen der verschiedenen Klangcharaktere bietet sich zunächst die Anhörseite für Tonleitern und Jazzskalen an. Zum praktischen Hören und Notieren gibt es dann 10 kostenlose Tonleiter-Diktate als Online-Quiz. Wer sich für eine Musik-Aufnahmeprüfung vorbereitet, findet auf der Seite Tonleitern hören und erkennen außerdem einen guten Überblick über die relevanten Produkte.
Wenn Du erst einmal weißt, worauf Du achten musst, geht das erfahrungsgemäß recht zügig.
6. Septakkorde
Septakkorde, also Vierklänge, haben, jeder nach seiner Art, einen unverwechselbaren Klang. Den lernst Du zunächst durch einfaches Hören kennen: Präge Dir den „Sound“ jedes Septakkordtyps durch häufiges, bewusstes Hören und Spielen gut ein. Einen guten theoretischen Überblick liefert der Artikel Septakkorde, und zum direkten Hören gibt es Hörübungen zu den sechs wichtigsten Septakkordtypen in Grundstellung.
Das Erkennen der Umkehrungen übst Du am besten durch das Singen. Anhand der auffälligen Sekunde, die als Umkehrung der Septime entsteht, bekommst Du den entscheidenden Hinweis auf die jeweilige Umkehrung. Das Erkennen der Stellungen mit vom Grundton abweichendem Bass erfordert dann etwas mehr Übung, besonders beim Hören und Analysieren der tiefen Töne. Deshalb ist es der letzte Schritt in diesem Bereich.
7. Melodie-Diktate: Die Königsdisziplin
Melodie-Diktate sind für die meisten das Anspruchsvollste in der Gehörbildung. Zu Recht, denn hier kommen alle Bausteine zusammen.
Sinnvollerweise solltest Du vorher die Aufgaben mit Viertonfolgen gut beherrschen. Die ersten Melodiediktate sollten dann einfachere Melodiebausteine aufweisen. Werde Dir dabei bewusst, dass Melodien oft Bausteine aus gebrochenen Dreiklängen, Durchgangstönen oder Tonleiterausschnitten enthalten und größere Intervallsprünge in einfacheren Melodien eher selten sind. Für ein gründliches, didaktisch gut aufbereitetes Training bietet der Onlinekurs „Einstimmige Melodie-Diktate üben“ das beste Arbeitsmaterial in systematisch aufgebauter Reihenfolge.
Als kostenlose Einstiegsübung gibt es ein erstes einstimmiges Melodiediktat zum Testen. Von dort aus geht es zu zweistimmigen Notendiktaten, und für die Ambitionierten schließlich zu Bach-Chorälen – als vierstimmige Notendiktate.
Zu den Melodiebausteinen werde ich noch einen eigenen Artikel schreiben, denn dieser Bereich verdient eine ausführlichere Behandlung für sich.
8. Akkordfolgen und Stufen
Spätestens jetzt ist es wichtig, sich mit dem Erkennen von Akkordfolgen und diatonischen Stufenfolgen zu beschäftigen.
Du brauchst hier ein geschultes Gehör für den Verlauf der Basstöne, die eine wichtige Stütze beim Ableiten solcher Akkordfolgen sind. Kannst Du hören, ob ein Basston Grundtoncharakter hat, oder weicht er vom Grundton ab? Eine weitere Stütze ist die schnelle Bestimmung der Akkordart, vor allem Dur oder Moll, und ein Gespür dafür, ob aufeinanderfolgende Akkorde gemeinsame Töne teilen. Dafür bekommt man mit etwas Übung recht schnell ein verlässliches Gehör.
Theoriewissen erleichtert das alles erheblich: Welche Akkorde gehören selbstverständlich zur Tonart und sind daher zu erwarten? Hörst Du vielleicht eine Kadenzfloskel, einen kadenzierenden Quartsextakkord, eine Doppeldominante oder einen besonderen Septakkord? Wer selbst verschiedene einfache und erweiterte Kadenzen am Klavier bewusst gespielt hat, bringt dafür die beste Grundlage mit.
Der Aufbau geht von einfachen diatonischen Stufenverbindungen (Tonika, Subdominante, Dominante) über Nebenakkorde und erste Erweiterungen wie die Doppeldominante bis hin zu Akkordfolgen mit abweichenden Basstönen und typischen Kadenzfloskeln. Hörübungen (Produkt) zu Akkordfolgen und Kadenzen helfen dabei, das gezielt zu trainieren. Im Premiumkurs Gehörbildung und Musiktheorie findest Du außerdem didaktisch aufgebaute Akkordfolge-Module, die diesen Bereich systematisch erschließen.
Fazit
Gehörbildung ist kein Bereich, bei dem man einfach drauflos üben sollte und nach ein paar Wochen irgendwie „fertig“ ist. Es ist eine Fähigkeit, die man Schritt für Schritt entwickeln muss, und die dafür am besten einen sinnvollen Aufbau braucht.
Wenn Du diesen Aufbau kennst und danach übst, wirst Du merken, dass die einzelnen Bereiche sich gegenseitig stützen. Sicherheit im Erkennen von Intervallen hilft bei Dreiklangshöraufgaben und beim Erkennen von Tonleitern, das Dreiklangshören hilft bei Melodiediktaten und beim Erkennen von Akkordfolgen, nur das Rhythmus-Hörtraining läuft dabei als eigenständiger Bereich parallel mit.
Und irgendwann, nach systematischer Übung, wirst Du merken: Das Hören fühlt sich nicht mehr wie ein Kampf an, sondern wie eine Fähigkeit, die einfach da ist und Dein musikalisches Erleben beträchtlich bereichert.
Gutes Weiterkommen!