Intervalle hören: Eine bewährte Herangehensweise
Intervalle hören zu lernen ist für viele einer der ersten und oft auch erst einmal frustrierendsten Schritte der Gehörbildung. Man übt vielleicht mit einer App, kommt aber nicht zuverlässig weiter. Das liegt selten am Gehör. Es liegt meistens daran, dass eine vernünftige Herangehensweise fehlt.
Dieser Artikel beschreibt sinnvolle Schritte, um das hörende Erkennen von Intervallen zu lernen: vom theoretischen Grundwissen bis hin zum sicheren Erkennen auch simultan gehörter Intervalle.
Schritt 1: Intervalle theoretisch kennen
Bevor Du etwas hören kannst, musst Du wissen, womit Du es zu tun hast. Das klingt selbstverständlich, wird aber oft übersprungen. Alle Intervalle von der Prime bis zur Oktave (besser noch bis zur Dezime) inklusive Tritonus sollten Dir theoretisch geläufig sein: Wie heißen sie? Wie differenziert man sie? Wie viele Halbtonschritte haben sie, und kannst Du sie sicher auf dem Klavier oder Deinem Instrument finden und bilden? Kannst Du sie auch sicher notieren?
Ohne dieses Fundament fehlt Dir schlicht die Grundlage, um das Gehörte benennen zu können. Ein guter Einstieg bietet dieser Artikel zur Intervall-Theorie. Und ein Buch über Allgemeine Musiklehre und Harmonielehre ist unbedingt empfehlenswert.
Schritt 2: Klanglich drei Gruppen unterscheiden
Ehe Du anfängst, einfach direkt irgendwie Höraufgaben zu lösen, lohnt es sich, einen groben Klangeindruck aller Intervalle zu entwickeln. Denn Intervalle lassen sich in drei gut unterscheidbare Klanggruppen einteilen:
- Dissonante Intervalle (Sekunde, Septime, Tritonus): Sie klingen spannungsvoll, unruhig, ein bisschen „schräg“.
- Harmonische Intervalle (Terz, Sexte): Sie klingen schön zusammen und kommen in Dur- und Moll-Dreiklängen und deren Umkehrungen vor.
- Reine Intervalle (Prime, Quarte, Quinte, Oktave): Sie klingen neutral, fast hohlklingend, und bei Quinte und Oktave fast wie ein einziger Ton.
Wer diese drei Gruppen beim Hören sicher unterscheiden kann, hat schon einen wesentlichen Anhaltspunkt für die Feinarbeit. Hier kannst Du direkt online Intervalle üben, um ein erstes Klangbild zu entwickeln.
Schritt 3: Intervalle innerhalb der Gruppe unterscheiden
Wenn Du weißt, zu welcher Gruppe ein Intervall gehört, wird das Eingrenzen viel einfacher. Innerhalb jeder Gruppe gibt es überschaubare Paare: Sekunde oder Septime? Terz oder Sexte? Quarte oder Quinte? Oder die Oktave?
Bei diesen Paaren ist das eine Intervall jeweils das Umkehrintervall des anderen. Nur der Tritonus gehört als Dritter im Bunde zu den dissonanten Intervallen und die Oktave auch zu den reinen Intervallen.
Sekunde und Septime lassen sich eigentlich gut auseinander halten, denn ihre Größenunterschiede sind deutlich hörbar. Das Gleiche gilt für Terz und Sexte.
Bei Quinte und Quarte ist das für manche erst einmal etwas schwerer. Die Größenunterschiede sind gering, und gerne dreht man in der inneren Wahrnehmung die Einzeltöne unbemerkt um und verwechselt so die Intervalle. Die Quarte hat im Zusammenklang aber etwas mehr „Reibung“ als die Quinte. Und die Quinte verwechseln manche als Zusammenklang gerne mit der Oktave, da beide Intervalle einen hohen Verschmelzungsgrad haben und fast wie ein Ton klingen. Nacheinander gehört kann man den Größenunterschied jedoch deutlich hören und bei der Oktave erkennen, dass eigentlich zweimal derselbe Ton (halt oktavversetzt) erklingt.
Schritt 4: Klein, groß?
Jetzt geht es ans eigentliche Differenzieren: Sind die gehörten Intervalle (also Sekunde, Terz, Sexte, Septime) groß oder klein?
Hier hilft bei Unsicherheit meist ein kleiner Trick: Singe gedanklich den oberen gehörten Ton einen Halbton höher oder tiefer, und frage Dich, ob das Intervall dadurch zur nächsten Größe wird. Wird beispielsweise aus der gehörten Sexte bereits eine Septime, wenn Du einen Halbton oben hinzufügst? Dann war es vorher die große Sexte. Bleibt es noch eine Sexte? Dann war es die kleine.
Dieser Trick braucht Übung. Aber er macht Dich bei Unsicherheiten unabhängig vom bloßen Raten.
Übermäßige oder verminderte Intervalle – zu denen auch der Tritonus gehört – lassen sich isoliert gehört nicht ableiten, dafür braucht man einen musikalischen Kontext und etwas Hintergrundwissen. Daher machen die Begriffe „übermäßig“ oder „vermindert“ bei isolierten Intervallhöraufgaben keinen Sinn. Der Tritonus ist hier ein Sonderfall: Im musikalischen Kontext lässt er sich zwar eindeutig als entweder übermäßige Quarte oder verminderte Quinte bestimmen, bei reinen Intervallhöraufgaben ohne Kontext ist aber der neutrale Begriff „Tritonus“ am sinnvollsten.
Schritt 5: Intervalle singen, am Instrument üben und kontrollieren
Hören und Singen hängen unmittelbar zusammen. Wer ein Intervall innerlich singen kann, erkennt es auch schneller. Deshalb gehört das aktive Singen unbedingt ins Training.
So kannst Du das einfach und effektiv üben: Du gibst Dir einen Ton (am besten auf dem Klavier) vor, singst von dort aus gezielt ein bestimmtes Intervall (aufwärts oder abwärts) und kontrollierst Dein Ergebnis direkt am Instrument. Stimmt der gesungene Ton öfter nicht mit dem richtigen überein, weißt Du, dass Du noch weiteren Übungsbedarf hast.
Melodieanfänge bekannter Stücke können als Gedächtnisstützen für bestimmte Intervalle helfen. Sie verbinden den Tonsprung eines Intervalls mit etwas bereits Bekanntem. Eine Übersicht über solche Melodieanfänge als Gedächtnisstützen findest Du hier. Am Anfang kann das für den ein oder anderen durchaus eine Hilfe sein. Dauerhaft ist es allerdings kein guter Ersatz für echtes, sicheres Hören.
Schritt 6: Töne in die eigene Gesangslage transponieren
Eine oft übersehene Voraussetzung beim Nachsingen: Wenn Du einen gehörten Ton singst, musst Du ihn meist erst in Deine eigene Stimmlage transponieren. Das klingt banal, ist es aber nicht. Wer dabei sehr unsicher ist, besonders bei hohen oder tiefen Tönen, braucht idealerweise einen Übungspartner, der korrigierend eingreifen kann. Alternativ kann eine mitlaufende Audioaufnahme zur Selbstkontrolle dienen. Oder Du buchst eine Online-Einzelstunde, um das direkt mit Feedback zu üben.
Schritt 7: Simultane Intervalle hören und zerlegen
Erklingen Intervalle nur als Zusammenklang (simultan) und nicht nacheinander in Einzeltönen (sukzessiv), singst Du auch hier im Kopf die Töne einzeln nach, am einfachsten von oben nach unten. Den obersten Ton nimmt man erfahrungsgemäß fast automatisch wahr. Dann singst Du beide Töne nacheinander und bestimmst das Intervall. Das wird mit etwas Übung immer sicherer gehen.
Schritt 8: Atonales Singen und Blattsingen
Der letzte Schritt ist der anspruchsvollste. Es geht darum, unbekannte Melodien zumindest langsam vom Blatt zu singen und dabei die Intervalle direkt im inneren Ohr zu haben und so singen zu können.
Zwei Übevarianten: Erstens kannst Du Dir eine willkürliche Folge von Intervallen auf- und abwärts aufschreiben, diese von einem vorgegebenen Ton aus singen und direkt am Instrument kontrollieren. Das ist anspruchsvoll, weil Du keine Melodiefloskeln als Krücke nutzen kannst und alles eher atonal klingen wird.
Zweitens kannst Du leichtere, Dir unbekannte tonale Melodien aus Chorsätzen oder von Liedern langsam vom Blatt singen.
Gut strukturiertes Übematerial als nächster Schritt
Wer alleine das Hören und Erkennen von Intervallen üben möchte, kann durch das bewusste Singen schon sehr weit kommen. Irgendwann braucht man aber auch konkrete Höraufgaben.
Genau das ist der Ansatz meines Gehörbildungs-Onlinekurses „Intervalle hören lernen“: 13 Lektionen (plus Bonuslektion) mit Audio-Übungen, aufgebaut in einer klaren Herangehensweise. Von der allgemeinen Unterscheidung über differenzierte Feinarbeit bis hin zum simultanen Hören und aktiven Singen. Ein umfangreicher Übungskurs mit dauerhaftem Zugriff und vielen Audio-Aufgaben, natürlich samt Lösungen.
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Gutes Weiterkommen!
